​Ángel Barroso Crespo

Anatomical Studies and Other Social Disorders

MuniqueART, Munich (DE)
15.11.2018 - 24.01.2019
Curated by Laura Sánchez Serrano

AD Infinitum is the first solo 

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Sie blicken auf einen Punkt, einen Ring, eine Lawine,

auf etwas, das passiert ist, ein Etwas, das sich ausdehnt,

es ruft sie, saugt sie an, sie treten in den Ring ein,

geschehen selbst darin, zugleich blicke ich sie an,
ja, sie geschehen im Inneren des Punktes, der sich ausdehnt,

der mich umringt und ansaugt, ein anderer ist der Blick,

der uns zusammen ansieht und schreibt, was Sie gerade

vor sich gesehen haben.

 

Chantal Maillard, Platon töten

 

 

 

Haben Sie einmal beim Betrachten eines Kunstwerks das erlebt, was Wygotski eine “ästhetische Reaktion” nennen würde? Dieses intensive, schwindelerregende, unbeschreibliche Gefühl, das uns für einige Sekunden überkommt und uns erstarren lässt, als würden wir in dem Bild, sei es abstrakt oder figurativ, eine verborgene innere Wahrheit erkennen, eine vergessene Verbindung, einen ursprunghaften Impuls jenseits der Sprache und der Verstandesraster. Die Erfahrung dehnt sich in der Zeit aus und prägt sich uns oft mit Nachdruck ein, so dass wir sie immer wieder obsessiv aufrufen und versuchen, sie zu entziffern, uns zu entziffern.

 

Die Werke von Ángel Barroso Crespo (*1974, Ciudad Real, Spanien) haben diese Fähigkeit, den Betrachter intensiv, durchdringend anzusprechen. Indem er den Blick zur narrativen Achse macht, taucht uns der Künstler in ein Universum anonymer Figuren, die er in Szenen von Intimität zeigt, von kollektiver Einsamkeit oder Gewalt. So lädt er uns ein, über die menschliche Anatomie und die zwischenmenschlichen Beziehungen nachzudenken. Wie sehen wir in der Geschwindigkeit einer eitlen und entmenschlichten Welt unseren Körper und den der anderen? Welche Beziehungen erhalten sich in einer Gesellschaft, die vom Individualismus und den sozialen Netzwerken geprägt ist?

 

Einer der Ausgangspunkte von Ángel Barroso Crespos Arbeit ist die Erkundung des Körpers. Seine präzise Kenntnis der menschlichen Anatomie und meisterliche Beherrschung der Techniken von Malerei, Gravur und Bildhauerei, die er sich in einer klassisch akademischen Ausbildung (an der Universität Sevilla) erworben hat, geben ihm die Möglichkeit, neue künstlerische Ausdrucksformen zu ergründen. Sein unverwechselbarer Stil verbindet Realismus mit Unförmigkeit und Exzess. Materische Körper, verletzlich, aber gleichzeitig auch stolz und derb, zeigen uns schonungslos ihre ungefilterte Nacktheit. Fasziniert von der weiblichen Gestalt, schafft der Künstler komplexe Figuren mit einer starken emotionalen Aufladung, die sich über ihre körperliche Ausdehnung überträgt, geformt durch Pinselstriche.

 

In seinen Gruppenporträts tritt der Einzelne als Bestandteil des sozialen Ganzen auf, einer beinahe uniformen Masse, die ihn trotz ihres scheinbaren Zusammenhalts isoliert und von der Kommunikation abschneidet. Barroso Crespos Figuren bilden einen menschlichen Block, doch eine wirkliche körperliche oder intellektuelle Verbindung fehlt. Es findet keine Kommunikation statt. Man könnte meinen, die Einzelnen würden außer ihrer Nähe nur noch durch ihre Aufmerksamkeit für etwas verbunden, das sich außerhalb der Leinwand abspielt. Aber was ist das? Ein Geschehen, in das wir einbezogen sind, etwas, das sich uns entzieht, aber bei unserem plötzlichen Gegenüber, dem Kunstwerk, eine Reaktion provoziert.

 

Ángel Barroso Crespos Figuren blicken uns an. Wir blicken sie an, und sie erwidern herausfordernd unseren Blick. Der Betrachter ist nicht mehr passiver Voyeur, sondern tritt ein in eine unerwartete visuelle Kommunikation mit dem Porträtierten, mit den Porträtierten. Verständnislosigkeit, Überraschung, Ablehnung, Gleichgültigkeit ... Liegt in alledem nicht etwas, das uns bekannt vorkommt? Ihre Blicke befragen uns, sie ziehen uns aus. Und wir können uns selbst nicht entkommen, dem Anlass, uns als Protagonisten von etwas zu sehen, das sich ereignet, es ereignet sich in diesem Moment, und wir finden dafür keine Worte. Eine ästhetische Reaktion, die uns gleichzeitig verstört und fasziniert.

 

Laura Sánchez Serrano 

 

(aus dem Spanischen von Luis Ruby)